Der Wachhund im Zapfhahn

Embedded PC in der Praxis

 

Von Nachrichten-Redakteur Ulrich Simons Aachen.

Felipes Masche ist genial. Glaubt er. Seit Wochen verkauft der Wirt aus Caracas „schwarz“ gekauftes Bier an seinem deutschen Lizenzgeber vorbei. Bis der dahinterkommt. Als Felipe eines abends in seiner Kneipe steht, tut die Zapfanlage keinen Mucks mehr. Der Deutsche hat sie stillgelegt. Via Internet. Mit Computertechnik aus Aachen.

Die Geschichte ist erfunden. Doch die Technik, die dahintersteckt, könnte ganz schnell Wirklichkeit werden.

In Oberforstbach bei Aachen haben die Automatisierungs-Spezialisten der Firma Gesytec ein System zur Marktreife entwickelt, das derartigen betrügerischen Machenschaften einen Riegel vorschieben soll. „ABS“ heißt das neue System noch firmenintern. Das Kürzel steht für „AntiBetrugSystem“.

Die Idee dahinter: In vielen Bereichen unserer Wirtschaft wird ein Produkt oder eine Dienstleistung von einem Lizenznehmer verkauft. Hinter diesem steht ein Lizenzgeber. Der stellt entweder seinen Namen zur Verfügung (z.B. McDonald´s), oder er richtet dem Lizenznehmer z.B. eine neue Gaststätte ein. Außerdem übernimmt er die Werbung und liefert alle Rohstoffe oder Fertigprodukte.

Im Gegenzug verpflichtet sich der Lizenznehmer, nur die Produkte seines Lizenzgebers einzusetzen. Die sind natürlich nicht so ganz spottbillig, weil der Lizenzgeber - nehmen wir mal einen Bierverlag oder eine Brauerei - versucht, über das gelieferte Bier die Kosten für die Gaststätteneinrichtung, die er seinem Wirt quasi vorfinanziert hat, wieder hereinzuholen.

Nun gibt es unter diesen Wirten ein paar ganz besonders schlaue, die sich - statt das (teurere) Bier ihres Lizenzgebers auszuschenken - in einem Getränkemarkt ein paar Fäßchen besorgen, diese durch den Hahn laufen lassen und ihrem Lizenzgeber etwas von „schlechten Zeiten“ vorjammern. Der Wirt verdient sich eine goldene Nase, und die Brauerei wundert sich über den schleppenden Absatz ihres Bieres.

An dieser Stelle tritt das Gesytec-System in Aktion. Ein kleiner Computer in der Zapfanlage vergleicht gelieferte und ausgeschenkte Biermenge. Kommt es zu Ungereimtheiten, schlägt das System Alarm, und der Lizenzgeber kann einschreiten, beispielsweise, indem er die Anlage ferngesteuert stillegt.

Da der gesamte Datenverkehr über das Internet abgewickelt wird, können derartige Systeme weltweit eingesetzt werden. Greift der Lizenzgeber in die Steuerung ein, kostet ihn das nicht mehr als ein Ortsgespräch.

Weltweite Kontrolle:
So funktioniert´s

Das von Gesytec entwickelte Anti-Betrugs-System ist ein kleiner Rechner, der mit der Produktions- oder Leistungseinrichtung, z.B. dem Zapfhahn einer Wirtschaft, verbunden wird und alle anfallenden Daten via Internet an den Lizenzgeber weiterleitet. Experten nennen dieses System der sich selbst überwachenden Automationssysteme „Embedded Control“ oder "Embedded System".

Gibt es irgendwelche Unstimmigkeiten, kann der Lizenzgeber im Gegenzug unmittelbar in den Produktionsprozeß eingreifen und beispielsweise die Anlage vorübergehend stillegen.

Da die ganze Aktion über das Internet abläuft, ist es völlig egal, wo auf dem Erdball sich die beiden Vertragspartner befinden. Die Verbindung zwischen der Maschine und dem Internet lösten die Ingenieure von Gesytec mit dem neuen 32-Bit-Betriebssystem Windows CE, das auch auf den neuen Mini-Computern („Handhelds“) läuft.

Gesytec ist nach Angaben von Geschäftsführer Dieter Schunk eines der ersten Unternehmen, das schon heute in seinen Produkten Windows CE einsetzt. Die Microsoft GmbH hat daraufhin mit Gesytec einen Kooperationsvertrag geschlossen und Gesytec zum „Microsoft Windows CE Authorized System Integrator“ ernannt.


Quelle: Aachener Nachrichten
"Rund um den Computer", Juli 1998